Warum Gewalt- und Horrorfilme Menschen mit PTBS retraumatisieren können

Gewalt- oder Horrorfilme können bei Betroffenen mit früheren Traumata wie ein Trigger wirken. In der Traumaarbeit bezeichnet man bestimmte Reize als „Trigger“, weil sie unvermittelt traumatische Erinnerungen und Intrusionen (z. B. Flashbacks) auslösen können [1]. Eine klinische Fallbeschreibung berichtet beispielsweise, dass eine Zehnjährige nach dem Anschauen eines Horrorfilms eine PTSD-ähnliche Störung entwickelte, die auch Jahre später noch fortbestand [2]. Mit anderen Worten: Was auf dem Bildschirm passiert, kann sich für verletzte Psychen real anfühlen.

Gerade junge Menschen mit bereits bestehenden Traumafolgestörungen reagieren besonders sensibel: Gewalt- oder Albtraumszenen können Panik, Schlafprobleme und alte Symptome wiederaufflammen lassen. Posttraumatische Belastungsstörungen äußern sich unter anderem durch Flashbacks, Albträume, starke Angstreaktionen und anhaltende Übererregung [3][4]. Eine Retraumatisierung – also eine Zunahme der Symptomatik durch erneute Konfrontation mit trauma-assoziierten Reizen – ist genau das, was traumasensible Settings vermeiden sollen [5].

Folge davon können langfristige Leistungseinbußen sein. Fachliteratur zeigt, dass traumatische Erfahrungen mit Beeinträchtigungen von Konzentration, Lernleistung und emotionaler Regulation einhergehen können. Betroffene zeigen häufiger Schul- oder Ausbildungsabbrüche, erhöhte Fehlzeiten und Schwierigkeiten, Anforderungen dauerhaft zu bewältigen [6]. Wird ein junger Rehabilitand oder Auszubildender durch ein schockierendes Filmszenario unvorbereitet getriggert, können Flashbacks und Angstattacken den Therapie- oder Ausbildungserfolg gefährden und nachhaltige Rückschritte auslösen [3][4].

Schutzkonzepte sind deshalb essenziell: In Bildungs- und Reha-Settings sollten belastende Medieninhalte nur mit Vorwarnung eingesetzt werden. Trauma-informierte Ansätze betonen ausdrücklich das Ziel, Retraumatisierung zu vermeiden und Sicherheit, Wahlmöglichkeiten und Transparenz zu gewährleisten [5][7]. Inhalts- oder Triggerwarnungen vor Gewaltdarstellungen geben Betroffenen die Möglichkeit, selbst zu entscheiden, ob und wie sie mit bestimmten Inhalten umgehen – etwa durch Aussetzen, Begleitung oder den Rückzug in einen sicheren Raum.

Mögliche Schutzmaßnahmen können sein:

Triggerwarnungen / Inhaltswarnungen:
Vor Filmen oder Serien mit Gewalt und Horror sollte klar und konkret auf Art und Intensität der Inhalte hingewiesen werden. Trauma-informierte Lehr- und Ausbildungspraxis empfiehlt ausdrücklich ein solches Vorgehen, um ungewollte Belastungen zu vermeiden [7].

Traumapädagogische Schulung des Personals:
Pädagoginnen, Ausbilder und Reha-Begleitende sollten Grundkenntnisse zu Trauma, Triggern, Stressreaktionen und Deeskalation besitzen. Fortbildungs- und E-Learning-Programme zu Trauma- und Schutzkonzepten – etwa im Rahmen von Kinderschutz- und Präventionsprojekten – können dabei unterstützen, Belastungssignale frühzeitig zu erkennen und angemessen zu reagieren [8].

Traumasensibles Umfeld:
Ruheräume, verlässliche Tagesstrukturen, klare Regeln und eine Kultur, in der Betroffene ohne Rechtfertigungsdruck aus belastenden Situationen aussteigen dürfen, tragen wesentlich zur Stabilisierung bei. Trauma-informierte Organisationsmodelle benennen Sicherheit, Transparenz, Wahlmöglichkeiten und Empowerment als zentrale Prinzipien [5].

Durch solche Konzepte wird die Teilhabe junger Menschen mit psychischen Diagnosen an Aus- und Weiterbildung sowie Therapie gestärkt, statt sie durch unbedachte Medieninhalte zu gefährden. Das ist kein Ausdruck von Übervorsicht, sondern professioneller Reha- und Ausbildungsschutz: Retraumatisierung kostet Stabilität – und damit Lern- und Entwicklungschancen.


Quellen

[1] NCBI Bookshelf – Trauma-informed Care: Trigger und Flashbacks
https://www.ncbi.nlm.nih.gov/books/NBK207191/

[2] Araújo AXG et al. (2019): Can horror movies induce PTSD-like syndrome?
Fallbericht (10-jähriges Kind), PDF
https://www.scielo.br/j/rlpf/a/PnsxyrBskHfLdVHrDk7pfwn/?format=pdf&lang=en

[3] National Institute of Mental Health (NIMH): Post-traumatic stress disorder (PTSD)
https://www.nimh.nih.gov/health/publications/post-traumatic-stress-disorder-ptsd

[4] Mayo Clinic: PTSD – Symptoms and causes
https://www.mayoclinic.org/diseases-conditions/post-traumatic-stress-disorder/symptoms-causes/syc-20355967

[5] SAMHSA (2014): SAMHSA’s Concept of Trauma and Guidance for a Trauma-Informed Approach (PDF)
https://coresonline.org/sites/default/files/documents/samhsas_concept_of_trauma_and_guidance_for_a_trauma-informed_approach.pdf

[6] Frieze, S. (2015): How Trauma Affects Student Learning and Behaviour (ERIC, PDF)
https://files.eric.ed.gov/fulltext/EJ1230675.pdf

[7] Carello, J. & Butler, L. D. (2015): Practicing What We Teach: Trauma-Informed Educational Practice (PDF)
https://socialwork.buffalo.edu/content/dam/socialwork/home/teaching-resources/1-2-Carello-Butler-2015-Practicing-What-We-Teach.pdf

[8] Universitätsklinikum Ulm – ECQAT-Projekt (Traumapädagogik & Schutzkonzepte)
https://www.uniklinik-ulm.de/kinder-und-jugendpsychiatrie-psychosomatik-und-psychotherapie/sektionen-und-arbeitsgruppen/abgeschlossene-projekte/verbundprojekt-ecqat/ecqat.html