Offenlegung einer Diagnose – Chancen und Risiken
Autistischer Burnout: Strukturelles Erschöpfungsphänomen
Ein besonders deutliches Beispiel dieser Dynamik ist das Konzept des Autistic Burnout. Raymaker et al. beschreiben es als einen Zustand «tiefgreifender, lang anhaltender Erschöpfung» infolge chronischer Überanpassung und fehlender Unterstützung[5]. Autistischer Burnout entstehe durch andauernden Stress und eine Diskrepanz zwischen Anforderungen und persönlichen Fähigkeiten, wenn kein adäquater Ausgleich erfolgt[5]. Dies ist nach den Forscher*innen kein individuelles Versagen, sondern eine direkte Folge struktureller Bedingungen. Betroffene berichten, dass Maskierung (das Verbergen eigener Besonderheiten) sie erschöpft und isoliert zurücklässt[6]. Gelingt es einem Mitarbeiter erst einmal, in einem unterstützenden Umfeld offen über seine Autismus-Zugaben zu sprechen, zeigt sich hingegen, wie große Wirkung einfache Hilfen haben können – etwa wenn Kollegen Arbeitsaufgaben so verteilen, dass die besonders anstrengenden Tätigkeiten angepasst werden[7].
Inklusion braucht klare Strukturen und Schutzmechanismen
Diese Befunde unterstreichen: Echte Inklusion erfordert mehr als Absichtserklärungen. Sie braucht greifbare Strukturen und Verfahren. Wichtige Elemente sind zum Beispiel:
·
Klare Melde- und
Unterstützungsprozesse bei Überlastung:
Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter müssen wissen, an wen sie sich wenden können,
wenn sie überfordert sind. Beschwerden sollten vertraulich und ernst genommen
werden.
·
Transparente Regelungen für
Arbeitsplatzanpassungen: Das Recht auf zumutbare
Veränderungen (z. B. flexible Arbeitszeiten, angepasste Kommunikationswege,
ruhige Arbeitsbereiche) sollte verbindlich sein. Nach dem britischen
Gleichstellungsgesetz etwa haben Beschäftigte Anspruch auf „reasonable
adjustments“, etwa Pausen oder Entfernung von Barrieren[8].
·
Sensibler Umgang mit
Offenlegung: Das Thema Diagnose darf keine Tabuzone
sein. Es sollte Verfahren geben, die Diskretion wahren und sicherstellen, dass
das Bekanntwerden einer neurodivergenten Veranlagung nicht zu Diskriminierung
führt. (Wie Studien zeigen, stellt Disclosure ohne Schutzmechanismen oft eine
Gratwanderung dar[4].)
·
Inklusive Unternehmenskultur: Der Alltag sollte geprägt sein von Verständnis und Respekt. Das
bedeutet etwa, dass Führungskräfte und Kolleg:innen dafür geschult werden,
typische Belastungsanzeichen richtig zu interpretieren, statt sie als
„persönliche Schwäche“ zu stigmatisieren. Ein aufgeschlossenes Umfeld, in dem
Mitarbeitende offen sagen können „Diese Aufgabe fällt mir schwer“ oder „Stille
Pausen helfen mir“, kann Burnout gezielt vorbeugen[7][9].
·
Kontinuierliche
Sensibilisierung: Regelmäßige Trainings und
Aufklärungskampagnen stärken das Bewusstsein für neurodivergente Perspektiven.
So rät etwa die britische Beratungsstelle Acas, dass Organisationen durch
Schulungen und Events aktiv für Neurodiversität werben sollten, um
Ausgrenzung zu verhindern[10].
Ohne solche strukturellen Vorkehrungen bleibt das Inklusionsversprechen
oft nur formales Lippenbekenntnis. Der Alltag von Autist:innen im Arbeitsleben
lehrt: Fehlen gezielte Schutzmechanismen, besteht die Gefahr, dass hohe
Absentismus- und Kündigungsraten oder psychische Folgeschäden entstehen. Der
Handlungsbedarf ist nach Experteneinschätzung deshalb beträchtlich – nur wer
Strukturen schafft (statt sich allein auf gute Absichten zu verlassen), kann
Vielfalt im Unternehmen wirklich leben und die Risiken für neurodivergente
Beschäftigte nachhaltig mindern[9][10].
Quellen: Zahlreiche Studien und Praxisberichte
stützen diese Einschätzungen. Beispielsweise betont die National Autistic
Society (UK) die Folgen mangelhaften Verständnisses und fehlender Unterstützung[1]. Die britische Acas (Advisory, Conciliation and Arbitration Service)
liefert konkrete Hinweise zu Maskierungs-Erschöpfung und notwendigen
Anpassungen[6][7]. Wissenschaftler*innen wie Raymaker et al. erforschen das Autistic
Burnout[5]. Eine systematische Review von Lindsay et al. dokumentiert die Risiken
der Offenlegung am Arbeitsplatz[4]. Diese Quellen belegen übereinstimmend: Inklusion zeigt sich im
konkreten Handeln, nicht nur in Worten.
[1] What can I do if Im having trouble at work
[2] [3] Neurodiversity: A look at real life experiences in the world of work
https://mautic.texthelp.com/neurodiversity-inclusion
[4] Disclosure and workplace accommodations for people with autism: A
systematic review | Request PDF
[5] “Having All of Your Internal Resources Exhausted Beyond Measure and
Being Left with No Clean-Up Crew”: Defining Autistic Burnout
https://yaaag.org.uk/wp-content/uploads/2023/01/Defining-Autistic-Burnout-Raymaker-June-2020.pdf
[6] [7] [8] [10] Understanding neurodiversity - Neurodiversity at work - Acas
https://www.acas.org.uk/neurodiversity-at-work
[9] Neurodiversity at work: why workplace inclusion fails - Tiimo App
https://www.tiimoapp.com/resource-hub/neurodiversity-at-work
