Vielfalt und gelebte Realität im Arbeitskontext

Obwohl viele Unternehmen heute ausdrücklich Vielfalt und Inklusion betonen (etwa in Leitbildern, Diversity-Statements oder Aktionsplänen), zeigt sich für neurodivergente Beschäftigte oft ein anderes Bild. Untersuchungen und Berichte verdeutlichen, dass Menschen mit Autismus oder ähnlichen neurologischen Besonderheiten auch in „inklusive“ Organisationen häufig Vorurteilen und subtiler Ausgrenzung ausgesetzt sind. So konstatiert die National Autistic Society: „Autistische Menschen haben am Arbeitsplatz eher Probleme, weil Kollegen ihr Autismus schlecht verstehen, passende Unterstützung fehlt und es zu Mobbing und Diskriminierung kommt“
[1]. Studien belegen, dass selbst wo formale Inklusionsmaßnahmen existieren, oft die gelebte Unterstützung fehlt. Beispielsweise zeigen Umfragen, dass 64 % der neurodivergenten Erwerbstätigen finden, ihr Unternehmen könnte mehr tun, um sie zu unterstützen, und 61 % haben am Arbeitsplatz bereits Stigmatisierung erlebt[2][3]. Viele fühlen sich statt in ihrer Unterschiedlichkeit respektiert zu werden, wie Fremdkörper behandelt – etwa weil unklare Erwartungen, ein überwältigendes Reizumfeld oder mangelnde Rücksichtnahme dafür sorgen, dass ihre Belastungsgrenzen rasch überschritten werden. Diese alltagspraktischen Hürden werden nicht immer als strukturelles Problem erkannt, sondern oft als individuelles Defizit fehlinterpretiert.

Offenlegung einer Diagnose – Chancen und Risiken


Entgegen einer weit verbreiteten Annahme garantiert das Offenlegen einer Autismus-Diagnose im Job nicht automatisch bessere Unterstützung. Ein systematischer Review kommt zu dem Ergebnis, dass Disclosure zwar in manchen Fällen zu mehr Verständnis und gezielten Anpassungen führen kann, gleichzeitig aber auch neue Benachteiligungen nach sich zieht. Die Autor:innen berichten, dass „Stigmatisierung und Diskriminierung“ zu den Nachteilen der Offenlegung zählen[4]. Viele Betroffene fürchten zudem, als „zu autistisch“ wahrgenommen oder in Defiziten verhaftet zu werden. In der Praxis zeigt sich oft, dass Meldungen von Überlastung oder Erschöpfung nicht systematisch aufgegriffen werden. Stattdessen werden Symptome wie Stress oder Burnout mit persönlicher Schwäche gleichgesetzt – strukturelle Anpassungen (etwa reduziertes Pensum oder Rückzugsräume) bleiben aus.

Autistischer Burnout: Strukturelles Erschöpfungsphänomen

Ein besonders deutliches Beispiel dieser Dynamik ist das Konzept des Autistic Burnout. Raymaker et al. beschreiben es als einen Zustand «tiefgreifender, lang anhaltender Erschöpfung» infolge chronischer Überanpassung und fehlender Unterstützung[5]. Autistischer Burnout entstehe durch andauernden Stress und eine Diskrepanz zwischen Anforderungen und persönlichen Fähigkeiten, wenn kein adäquater Ausgleich erfolgt[5]. Dies ist nach den Forscher*innen kein individuelles Versagen, sondern eine direkte Folge struktureller Bedingungen. Betroffene berichten, dass Maskierung (das Verbergen eigener Besonderheiten) sie erschöpft und isoliert zurücklässt[6]. Gelingt es einem Mitarbeiter erst einmal, in einem unterstützenden Umfeld offen über seine Autismus-Zugaben zu sprechen, zeigt sich hingegen, wie große Wirkung einfache Hilfen haben können – etwa wenn Kollegen Arbeitsaufgaben so verteilen, dass die besonders anstrengenden Tätigkeiten angepasst werden[7].


Inklusion braucht klare Strukturen und Schutzmechanismen

Diese Befunde unterstreichen: Echte Inklusion erfordert mehr als Absichtserklärungen. Sie braucht greifbare Strukturen und Verfahren. Wichtige Elemente sind zum Beispiel:

·         Klare Melde- und Unterstützungsprozesse bei Überlastung: Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter müssen wissen, an wen sie sich wenden können, wenn sie überfordert sind. Beschwerden sollten vertraulich und ernst genommen werden.

·         Transparente Regelungen für Arbeitsplatzanpassungen: Das Recht auf zumutbare Veränderungen (z. B. flexible Arbeitszeiten, angepasste Kommunikationswege, ruhige Arbeitsbereiche) sollte verbindlich sein. Nach dem britischen Gleichstellungsgesetz etwa haben Beschäftigte Anspruch auf „reasonable adjustments“, etwa Pausen oder Entfernung von Barrieren[8].

·         Sensibler Umgang mit Offenlegung: Das Thema Diagnose darf keine Tabuzone sein. Es sollte Verfahren geben, die Diskretion wahren und sicherstellen, dass das Bekanntwerden einer neurodivergenten Veranlagung nicht zu Diskriminierung führt. (Wie Studien zeigen, stellt Disclosure ohne Schutzmechanismen oft eine Gratwanderung dar[4].)

·         Inklusive Unternehmenskultur: Der Alltag sollte geprägt sein von Verständnis und Respekt. Das bedeutet etwa, dass Führungskräfte und Kolleg:innen dafür geschult werden, typische Belastungsanzeichen richtig zu interpretieren, statt sie als „persönliche Schwäche“ zu stigmatisieren. Ein aufgeschlossenes Umfeld, in dem Mitarbeitende offen sagen können „Diese Aufgabe fällt mir schwer“ oder „Stille Pausen helfen mir“, kann Burnout gezielt vorbeugen[7][9].

·         Kontinuierliche Sensibilisierung: Regelmäßige Trainings und Aufklärungskampagnen stärken das Bewusstsein für neurodivergente Perspektiven. So rät etwa die britische Beratungsstelle Acas, dass Organisationen durch Schulungen und Events aktiv für Neurodiversität werben sollten, um Ausgrenzung zu verhindern[10].


Ohne solche strukturellen Vorkehrungen bleibt das Inklusionsversprechen oft nur formales Lippenbekenntnis. Der Alltag von Autist:innen im Arbeitsleben lehrt: Fehlen gezielte Schutzmechanismen, besteht die Gefahr, dass hohe Absentismus- und Kündigungsraten oder psychische Folgeschäden entstehen. Der Handlungsbedarf ist nach Experteneinschätzung deshalb beträchtlich – nur wer Strukturen schafft (statt sich allein auf gute Absichten zu verlassen), kann Vielfalt im Unternehmen wirklich leben und die Risiken für neurodivergente Beschäftigte nachhaltig mindern[9][10].

Quellen: Zahlreiche Studien und Praxisberichte stützen diese Einschätzungen. Beispielsweise betont die National Autistic Society (UK) die Folgen mangelhaften Verständnisses und fehlender Unterstützung[1]. Die britische Acas (Advisory, Conciliation and Arbitration Service) liefert konkrete Hinweise zu Maskierungs-Erschöpfung und notwendigen Anpassungen[6][7]. Wissenschaftler*innen wie Raymaker et al. erforschen das Autistic Burnout[5]. Eine systematische Review von Lindsay et al. dokumentiert die Risiken der Offenlegung am Arbeitsplatz[4]. Diese Quellen belegen übereinstimmend: Inklusion zeigt sich im konkreten Handeln, nicht nur in Worten.


[1] What can I do if Im having trouble at work

https://www.autism.org.uk/advice-and-guidance/topics/employment/what-can-i-do-if-im-having-trouble-at-work

[2] [3] Neurodiversity: A look at real life experiences in the world of work

https://mautic.texthelp.com/neurodiversity-inclusion

[4] Disclosure and workplace accommodations for people with autism: A systematic review | Request PDF

https://www.researchgate.net/publication/334285943_Disclosure_and_workplace_accommodations_for_people_with_autism_A_systematic_review

[5] “Having All of Your Internal Resources Exhausted Beyond Measure and Being Left with No Clean-Up Crew”: Defining Autistic Burnout

https://yaaag.org.uk/wp-content/uploads/2023/01/Defining-Autistic-Burnout-Raymaker-June-2020.pdf

[6] [7] [8] [10] Understanding neurodiversity - Neurodiversity at work - Acas

https://www.acas.org.uk/neurodiversity-at-work

[9] Neurodiversity at work: why workplace inclusion fails - Tiimo App

https://www.tiimoapp.com/resource-hub/neurodiversity-at-work